SSI Schäfer-Peem verschafft sich neue Handlungsspielräume durch die Integration seiner IT.
Im Maschinen- und Anlagenbau zeigt sich beim Einsatz von integrierten IT-Systemen ein erhebliches Ungleichgewicht. Während die Fertigungsebene bereits weitgehend optimiert ist, warten die betriebswirtschaftlichen Prozesse vielerorts noch darauf, aus ihrem elektronischen Dornröschenschlaf wach geküsst zu werden. Denn obgleich unternehmensübergreifende Planungs- und Steuerungssysteme in anderen Branchen schon seit Jahren zur Grundausstattung zählen, spielen sie in der Einzelfertigung immer noch eine Nebenrolle. Stattdessen verlässt man sich hier eher auf einen Mix aus eigenentwickelten Inselsystemen, um die zahlreichen Branchenspezifika maßgeschneidert abzudecken.
Doch allmählich steigt die Zahl der Maschinenbauer, die ihre alten IT-Zöpfe abschneiden wollen. In ihren ebenso heterogenen wie proprietären Systemwelten sehen sie keine ausreichenden Freiräume, um die immer häufigeren und schnelleren Veränderungen ihrer Märkte noch abbilden zu können. Und über einen Mangel an Herausforderungen kann sich die Branche wahrlich nicht beklagen: Auf der einen Seite hat sich der Angebotsmarkt zu einem Käufermarkt entwickelt, auf dem die Kunden mit gestiegenem Selbstbewusstsein nach maßgeschneiderten Produkten fragen, dabei die Preise kontinuierlich nach unten korrigieren und ständig kürzere Lieferzeiten verlangen. Auf der anderen Seite haben viele Wettbewerber damit begonnen, sich immer stärker auf ihre Kernkompetenzen zu konzentrieren, hierzu schlagkräftige Supply Chains aufzubauen und dabei auch den osteuropäischen Markt wieder zu entdecken.

Angesichts dieses Wandels traf der Anlagenbauer SSI Schäfer-Peem 2002 die strategische Entscheidung, eine durchgängige Informations- und Kommunikationsplattform zu bauen. „Damals war uns klar, dass wir die vom Markt geforderte Flexibilität nur dann erreichen, wenn wir alle Geschäftsabläufe abteilungsübergreifend planen und steuern können“, erinnert sich Michael Stancer, der die anschließende Einführung eines integrierten ERP-Systems vorbereitete und begleitete. „Denn so lange die linke Hand nicht weiß, was die rechte tut, bleiben gerade in der Projektarbeit die Durchlaufzeiten hoch und die Kostenstrukturen zu lange im Dunkeln.“
Reibungsverluste
In der Prozessbeschleunigung und der erhöhten Kostentransparenz erkannte der Grazer Spezialist für Lager-, Förder- und Kommissioniertechnik die zentralen Stellschrauben, um seine Zukunftsfähigkeit zu sichern. Die vorhandene Systemlandschaft bot jedoch keine geeignete Grundlage für die Umsetzung dieses Plans. Zum damaligen Zeitpunkt hatten sich die einzelnen Unternehmensbereiche ihre eigenen Software-Systeme geschaffen. Auf der Grundlage von Access und D-Base hatten sie Applikationen entwickelt, mit denen sie zwar ihre jeweiligen Aufgaben in den Griff bekamen, die aber für einen wirtschaftlichen Informationsaustausch mit den vor- und nachgelagerten Abteilungen ungeeignet waren.
Beispielsweise war das im Vertrieb eingesetzte Auftragsverwaltungssystem in keiner Weise mit der Projektierung gekoppelt. Entsprechend musste das Projektmanagement bei einem Neuauftrag das Projekt als solches noch einmal von Grund auf neu aufsetzen. Neben dem hohen manuellen Aufwand gingen mit der Mehrfacherfassung auch signifikante Informations- und Reibungsverluste einher. Vergleichbare Systembrüche traten auch im weiteren Prozessverlauf zwischen Projektierung, Konstruktion, Einkauf und Produktion auf. Darüber hinaus führten die Inselwelten auch zu erheblichen Liegezeiten an den Übergabepunkten. „Aus diesen Gründen wollten wir ein System, in dem alle Mitarbeiter am gleichen Strang ziehen“, begründet Michael Stancer den Wechsel zu einer integrierten Informationsverarbeitung.
Branchenlösung
Bevor SSI Schäfer-Peem Mitte 2002 an die Auswahl eines geeigneten ERP-Anbieters ging, nahm sich das Unternehmen drei Monate Zeit, um eine Prozessanalyse durchzuführen. Gemeinsam mit den Fachbereichen konzentrierte sich die Projektleitung auf die Definition der Sollprozesse. „Wir haben unsere gesamte Ablauforganisation auf den Prüfstand gestellt und uns Prozessschritt für Prozessschritt überlegt, was integratives Arbeiten in der Praxis bedeutet“, erläutert Michael Stancer.
Nachdem das Projektteam diese Hausaufgaben gemacht hatte, wurde daraus ein Pflichtenheft abgeleitet und an ausgewählte Anbieter verschickt. Deren Auswahl beruhte auf Praxiserfahrungen, die die beiden Projektleiter aus vorherigen Unternehmen mitbrachten. Hinzu kam eine Reihe von Anbietern, die SSI Schäfer-Peem vom Markt her kannte oder die von externen Beratern empfohlen worden waren. Die konzernweite SAP-Anwendung spielte nach kurzer Analyse keine Rolle mehr.
Nach intensiver Prüfung der Angebote entschied sich der Maschinen- und Anlagenbauer für die komponentengestützte Branchenlösung ams (damals noch AMS++). Den Ausschlag für das System des mittelständischen ERP/PPS-Anbieters ams.Solution gab, dass es als Speziallösung für die Einzel- und Auftragsfertigung die größte Funktionsabdeckung aufwies. Außerdem überzeugten die vier- bis sechsmonatigen Einführungszeiten bei den Referenzkunden und das Branchen-Know-how des Anbieters.
Die zu Beginn der Anbieterauswahl erstellte Sollprozess-Analyse diente auch als roter Faden für die Implementierung. „Indem wir uns Stück für Stück an den Sollprozessen orientiert haben, wussten wir stets, wo wir stehen“, erinnert sich Michael Stancer. „Andererseits hatten wir es dabei aber auch nicht mit einem starren Korsett zu tun. Wenn es sinnvoller war, haben wir uns von Fall zu Fall auch für ein anderes Vorgehen entschieden."
Hierbei vollzog sich die Einführung in zwei einander überlappenden Hauptphasen, die nach vier beziehungsweise fünf Monaten abgeschlossen wurden. Dieses sukzessive Vorgehen lag darin begründet, dass bei den Stücklisten und Arbeitsplänen einige Dateninhalte bei Projektstart noch nicht verfügbar waren. Deshalb konzentrierte sich SSI Schäfer-Peem zunächst auf die Module für Angebots- und Auftragsverwaltung, Grobplanung, Zeiterfassung und Betriebsdatenerfassung. Drei Monate später folgten dann Einkauf und Materialwirtschaft, Produktionsmanagement, Kalkulation und Workflow in den Echtbetrieb.
Informationsvorsprung
Seit August 2003 arbeitet der Maschinen- und Anlagenbauer mit einem integrierten Gesamtsystem, das seine Projektlebenszyklen vollständig abbildet: Vom Vertrieb über Produktdesign und Fertigung bis zum Rechnungswesen sind jetzt sämtliche Projektinformationen in Echtzeit verfügbar. Michael Stancer resümiert: „Während der Ein- führung sind wir zu 95 Prozent im Standard der Branchensoftware geblieben und haben viele der Best Practices ausgenutzt, die im System bereits angelegt sind. Unsere Anpassungen beschränkten sich auf zusätzliche Dialogfelder, die unsere Mitarbeiter an der einen oder anderen Stelle brauchten.“
Mit den Best Practices spricht Stancer vor allem das nun durchgängige Informationsmanagement an, das an die Stelle der informellen Kommunikation getreten ist. Beispiel Stücklistenwesen: Seitdem die Stücklisten nur noch an einer einzigen Stelle zentral erstellt und von dort aus gesichert an die Arbeitsvorbereitung in die Produktionsbe- reiche weitergegeben werden, lassen sich die vorherigen Zeit- und Informationsverluste deutlich minimieren.
Einen vergleichbaren Mehrwert brachte auch die Integration des Engineering. Dessen Konstruktionspläne gehen in ein Produktdatenmanagementsystem (PDM) ein, das eine bidirektionale Schnittstelle zu ams bedient. Während die Stücklistendaten früher ein bis zwei Wochen lagerten, bevor sie in den Produktionssystemen wieder neu erfasst wurden, erfolgt jetzt eine automatisierte Datenübernahme in Echtzeit. Gleiches gilt für die Erfassung der Nettobedarfe, mit denen sich Materialwirtschaft und Einkauf nun zeitnah anstoßen lassen.
Zusätzlich wurde der Time-to-market aber auch in den frühen Projektphasen verkürzt. Für einen Auftragsfertiger wie SSI Schäfer-Peem ist es besonders erfolgskritisch, neue Projekte so zeitnah wie möglich einsteuern zu können. Im Gegensatz zur Standardfertigung liegen jedoch zahlreiche Produktionsinformationen zu diesem frühen Zeitpunkt noch gar nicht vor. Um trotzdem eine konsistente Gesamtplanung durchführen zu können, braucht das Unternehmen eine Grobplanung, die die künftige Auslastungssituation sowohl aus den Angebotsdaten als auch aus den bestehenden Aufträgen errechnet.
„Hierzu setzen wir jetzt die Grobplanungs-Funktionalität des neuen ERP-Systems ein. Somit können wir erheblich früher prognostizieren, ob sich Aufträge rechnen und wie sie sich auf unsere Kapazitäten auswirken werden. Unser Management hat nun eine deutlich transparentere Entscheidungsgrundlage als zuvor“, erläutert Michael Stancer. „Angesichts der erheblichen Ressourcen, die einzelne Projekte binden können, ist dieser Informationsvorsprung außerordentlich wertvoll. Unter anderem kommen wir jetzt auch deutlich schneller an die Informationen, die wir brauchen, um die Vorfinanzierung eines Auftrags zu sichern.“
Das Unternehmen - SSI Schäfer-Peem
SSI Schäfer-Peem zählt zu den weltweit führenden Spezialisten für wirtschaftliche Gesamtlösungen in der Lager-, Förder- und Kommissioniertechnik. Das Unternehmen konzentriert sich auf die Produktion von Förderanlagen sowie von automatischen Kommissionierungsanlagen und der dazu gehörigen Steuerungssoftware. SSI Schäfer-Peem beschäftigt 400 Mitarbeiter. Die Eingliederung in die internationale SSI Schäfer-Gruppe erfolgte im September 2001. Der Konzern hat 8.000 Mitarbeiter und weltweit 53 Niederlassungen.
Weitere Informationen: www.ssi-schaefer-peem.com